Aufzeichnungen des Zen Meister Rinzai

Der Provinzgouverneur Ö Joji und seine Beamten bitten Zen Meister Rinzai, auf dem Dharmasitz Platz zu nehmen.

Vom Dharmasitz aus spricht Zen Meister Rinzai: „Ich kann ihnen nicht die Bitte abschlagen, heute den Dharmasitz zu besteigen. Hielte ich mich an die Tradition der Patriarchen, so sollte ich nicht einmal meinen Mund öffnen, um die „Grosse Lehre“ zu preisen. Aber dann könntet ihr nirgends Fuss fassen. Heute ausserdem, wo ich schon beim Gouverneur eingeladen bin, warum sollte ich da die Grundsätze meines Weges verbergen? Gibt es hier vielleicht einen erfahrenen General, der seine Truppen aufmarschieren lassen und seine Fahne hissen möchte? Lasst ihn vortreten und seine Erfahrung hier vor den versammelten Mönchen beweisen.“

Ein Mönch fragt: „Was ist eigentlich der Kern des Buddhismus?“ Zen Meister Rinzai stösst ein „Katsu“ hervor. Der Mönch verbeugt sich. Da sagt Rinzai: „Dieser da kann sich in einer Auseinandersetzung behaupten“

Ein anderer Mönch fragt: „Zen Meister Rinzai, wessen Lied singst du? Wessen Methode vertrittst du?“ Der Meister antwortet: „Als ich Schüler von Öbaku war, stellte ich ihm 3mal eine Frage, und 3mal schlug er mich.“
Der Mönch zögert, weiss damit nichts anzufangen.
Rinzai stösst ein „Katsu“ hervor, dann schlägt er den Mönch und sagt: „Man kann nicht einen Nagel in den leeren Raum treiben.“

Da gibt es auch noch einen schriftgelehrten Mönch, der fragt: „Bringen nicht die 3 Fahrzeuge und die 12fache Lehre die Buddha-Natur ans Licht?“  Darauf Zen Meister Rinzai: „Dein Vorgehen hat bis jetzt noch nicht gewirkt.“
Der schriftgelehrte Mönch sagt: „W/ie könnte der Buddha einfach die Menschen betrügen?“
Da fragt Zen Meister Rinzai: „Wo ist er, dieser Buddha?“ Das macht den schriftgelehrten Mönch sprachlos.
Meister Rinzai fährt fort: „Hier, vor dem Gouverneur, wolltest du mich in die Pfanne hauen, hau ab! Du hinderst nur andere daran, ihre Fragen zu stellen.“

Zen Meister Rinzai fügt noch hinzu: „Es geht uns doch allen um die entscheidendste Seinsfrage. Nur deswegen versammeln wir uns hier. Gibt es da noch andere, die etwas fragen wollen? Kommt schnell und fragt! Sobald aber jemand von euch seinen Mund auftut, hat er es schon verfehlt. Warum wohl? Wusstet ihr schon, dass Buddha sagte: „Das wahre Dharmas ist anders als Worte.“ Es ist weder begrenzt noch bedingt wie Worte. Weil ihr dem Dharma kein Vertrauen schenkt, seid ihr verwickelt und verknotet, voller Komplexe und Probleme. Ich fürchte, dass auch noch der Gouverneur und seine Beamten vewirrt werden und sich ihre Buddha-Natur
eher verdüstert als erhellt. Ich werde jetzt besser gehen.“
Rinzai stösst ein „Katsu“ hervor und sagt: „Ihr da, mit eurem armseligen Vertrauen, ihr werdet nie zur Ruhe kommen. Ich habe euch lange Zeit hier herumstehen lassen. Geht jetzt, und kümmert euch um euch selbst.“

Eines Tages geht der Zen Meister Rinzai in die Provinzhauptstadt. Wieder wird er von Ö Joji, dem Gouver- neur, gebeten, den Dharmasitz einzunehmen. Da tritt Mayoku vor und fragt: „Der grosse mitleidvolle Bodhisattvam Kannon“ hat 1000 Hände und 1000 Augen. Welches Auge ist das echte?“ Meister Rinzai fragt seinerseits: „Der grosse mitleidvolle Bodhisattva Kannon
hat 1000 Hände und 1000 Augen. Welches Auge ist das echte? Sprich! Schnell! Schnelll“
Mayoku zieht Rinzai von seinem Sitz herunter und nimmt selbst darauf Platz. Rinzai tritt nahe zu Mayöku heran und fragt: „Wie geht es?“ Mayöku ist ratlos. Da zieht Rinzai ihn nun seinerseits vom Sitz herunter und nimmt wieder selbst dort Platz. Mayöku verlässt die Dharmahalle, und auch Rinzai geht.

Vom Dharmasitz sagt Rinzai eines Tages: „Über der platzraubenden Masse eures rötlichen Fleisches gibt es einen wahren Menschen ohne Rang und Namen. Er kommt und geht ständig durch die Tore eures Gesichtes. Falls ihr ihm noch nicht begegnet seid, so packt ihn, packt ihn jetzt“
Ein Mönch tritt vor und fragt: „Was für ein Gefährte ist dieser wahre Mensch?“
Rinzai springt von seinem Sitz herunter, packt den Mönch und brüllt: „Sag‘ du es mir doch, rasch, sag‘ esl“
Der Mönch zögert. Rinzai lässt von ihm ab und bemerkt: „Was für eine Klobürste dein wahrer Mensch ohne Rang und Namen doch ist.“ Danach zieht der Meister sich in seine Unterkunft zurück.

Eines Tages, in der Dharmahalle, tritt ein Mönch an den Dharmasitz heran und verbeugt sich.
Der Meister stösst ein ›Katsu< aus. Der Mönch: „Altehrwürdigerss, besser ihr prüft mich nicht.“ Rinzai erwidert: „Nun denn, sag‘ mir, wohin fällt es, das ›Katsu<?“ Der Mönch schreit ›Katsu<.

Ein anderer Mönch fragt: „Was ist der Kern des Buddhismus?“ Rinzai schreit ›Katsu<. Der Mönch verbeugt sich. Da fragt ihn Rinzai: „Heh, sag‘ mir, War es ein gutes ›Katsu< oder nicht?“ Der Mönch darauf: „Der Buschräuber hatte eben einen gewaltigen Misserfolg.“ Rinzai: „Welchen Fehler hat er gemacht?“ Der Mönch: „Man sollte den gleichen Fehler nicht noch einmal begehen.“ Der Meister stösst ein ›Katsu< hervor.

Eines Tages kommt es zur Begegnung zweier Jikijitsus. Im Augenblick des Zusammentreffens stösst jeder ein ›Katsu< aus.
An diesem Tag fragt ein Mönch, der das miterlebt hat, den Meister Rinzai: ›N(/ar es klar, wer Gast und wer Gastgeber war?“ Rinzai: „Gast und Gastgeber waren klar auszumachen“, und weiter, an alle Mönche gewandt, fährt Rinzai fort: „Wenn ihr meine Redensart vom Gast und vom Gastgeber zu verstehen wünscht, dann fragt doch die beiden Jikijitsu selbst.“ Danach steigt Rinzai von seinem Sitz herunter und geht.

Zum Dharmasitz gewandt fragt ein Mönch: „Was ist der Kern des Buddhismus?“ Der Meister seinen Hossu. Daraufhin stösst der Mönch ein ›Katsu< hervor. Da schlägt ihn Rinzai.

Wieder fragt ein Mönch: „Was ist der Kern des Buddhismus?“ Wieder hebt der Meister seinen Hossu. Der Mönch schreit ›Katsu<. Auch Rinzai schreit ›Katsu<. Der Mönch zögert, da schlägt ihn Rinzai.

Nach diesem Ereignis sagt Rinzai: „Mönche, einige von euch drücken sich davor, Leib und Leben für das Dharma hinzugeben. Was mich betrifft, so verbrachte ich 20 Jahre mit Obaku, meinem letzten Meister. 3mal fragte ich ihn nach dem Kern der Lehre des Buddha, und 3mal schlug er mich freundlicherweise. Es war, als hätte er mich zärtlich mit einem duftenden
Salbeizweig gestreichelt. Nun ist mir wieder danach, den Ton des Schlages zu kosten. Wer kann ihn mir geben?“
Ein Mönch tritt vor: „Ich kann es.“ Der Meister nimmt seinen Zen-Stock auf und reicht ihn dem
Mönch. Der jedoch zögert, ihn zu ergreifen. Da schlägt ihn Rinzai.

Zum Sitz des Meisters gewandt fragt ein Mönch: „Wie verhält es sich mit der Klinge eines
Schwertes?“ „Gefährlich, gefährlich!“ ruft Rinzai. Der Mönch glotzt blöd. Da schlägt ihn der Meister.

Jemand fragt: „Als der Laienbruder Io, der die Pedale des Mahlsteines im Küchenraum trat, vergass, seine Füsse zu bewegen, wo war er da?“ Rinzai: „Ertrunken in einer tiefen Quelle.“

Meister Rinzai sagt: „Wer auch immer zu mir kommt, ich verfehle ihn nicht. Ich weiss, wes Geistes Kind er ist. Wenn er einfach so daherkommt, dann scheint es, als hätte er sich selbst verloren. Wenn er nicht einfach so daherkommt, dann ist er gefesselt ohne Fesseln. Seid vorsichtig mit voreiligen Beurteilungen. Lasst es euch von mir erklären – Verstehen und Nicht- Verstehen entstammen beide einer falschen Sicht. Die Leute mögen über mich spotten, soviel sie wollen. Lange genug habe ich euch mit meinem Gewäsch aufgehalten. Geht jetzt, und passt gut auf euch auf.“

Vom Dharmasitz aus sagt Zen Meister Rinzai: „Der eine befindet sich auf dem Gipfel eines einsamen Berges, und es gibt keinen Pfad abwärts. Ein anderer befindet sich mitten auf einer stark be- fahrenen Kreuzung und kann weder vor- noch rückwärts gehen. Wer von beiden ist der Entwickeltere, und wer hinkt hinterher? Haltet sie nicht für Vimalakirti” oder den grossen Meister Fuh.“ Danach verlässt Rinzai den Dharmasitz und geht.

Eines anderen Tages sagt Zen Meister Rinzai vom Dharmasitz aus: „Da gibt es jemanden, der sich seit Ewigkeiten auf dem Weg befindet und doch nie sein Haus verlassen hat. Wieder jemand verlässt sein Haus, ohne je auf dem Weg zu sein. Welcher von beiden ist es wert, von Menschen und Göttern geehrt zu werden?“ Rinzai steigt, nachdem er so gesprochen hat, rasch vom Lehrsitz herab und verschwindet.

Zum Dharmasitz gewandt fragt eines Tages ein Mönch: „Was ist der erste Grundsatz?“
Rinzai antwortet: „Wenn das Siegel von Buddha, Dharma und Weg gelüftet ist, bleiben dennoch fest eingedrückte Pausee von rotem Siegellack zurück. Ehe Unsicherheit entstand, waren Gastgeber und Gast klar unterschieden.“ Der Mönch fragt weiter: „Was ist der zweite Grundsatz?“ Zen Meister Rinzai dazu: ›Wie kann wirkliches und tiefes Verstehen Fragen zulassen, wie sie Mujaku” dem Manjusri stellte ( und die nicht beantwortet wurden )? Warum sollte es einer bösartigen Absicht nicht gelingen, den Ablauf einer Bewegung zu hemmen?“ „Und was ist der dritte Grundsatz“, fragt der Mönch weiter. „Sieh die Puppen, wie sie auf der Bühne tanzen“, sagt Rinzai, „aber übersieh nicht den Mann hinter der Bühne, welcher die Fäden zieht.“ Rinzai fügt hinzu: „Jeder Grundsatz beinhaltet 3 grosse Tore; jedes Tor beinhaltet 3 lebenswichtige Punkte; in diesen ist Kraft, und darin liegt auch der Sinn meiner Rede. Wie nun verstehst du das alles?“ Damit geht der Meister fort.

Eines Abends, während der Fragestunde in der Dharmahalle, sagt Zen Meister Rinzai zu seinen Mönchen: „Manchmal ziehe ich jemanden hinter seiner Maske hervor. Manchmal reisse ich jemandem einfach die Maske ab. Manchmal lasse ich beide verschwinden, den Menschen samt seiner Maske. Manchmal lasse ich beide wie sie sind, den Menschen mitsamt seiner Maske.“ Ein Mönch fragt: „\Wie gelingt es dir, den Menschen allein, ohne die Maske, zu packen?“ Rinzai: „Warmer Sonnenschein bedeckt die Erde mit einem Brokatteppich. Das Haar eines Kindes ist weiss wie aus Seidenfäden.“ Der Mönch fragt weiter: „Wie nun gelingt es dir, die Maske zu packen ohne den Menschen?“ Rinzai: „Da der Befehl des Kaisers überall hinreicht, hört der General an der Front auf zu kämpfen“ Der Mönch weiter: „Und wie gelingt es dir, beide, den Menschen und seine Maske, verschwinden zu lassen?“ Rinzai: „Die Provinzen Hei und Fu sind vollständig voneinander getrennt. Jede Provinz hat ihren eigenen Verwaltungsbereich.“ Der Mönch fragt schliesslich: „Wie lässt du beide bestehen, den Menschen mitsamt seiner Maske?“ Rinzai: „\Wenn der König zum Juwelen-Palast em-
porsteigt, beginnen die Bauern auf den Feldern Lieder anzustimmen.“

Zen Meister Rinzai sagt: „Den heutigen Schülern des Buddha-Dharma fehlt ursprüngliche Einsicht. Wer diese hat, wird durch Geburt und Tod nicht berührt und ist frei, zu kommen und zu gehen. Noch ist es nötig, etwas zu bewerten, denn alles ist letztendlich doch so wie es ist. Weggefährten, die alten Meister hatten eigene Methoden der Menschenführung und der Menschengestaltung. Lasst euch von niemandem täuschen, das ist alles, was ich lehre. Wenn ihr wirklich von ursprünglicher Einsicht Gebrauch machen wollt, dann bemüht euch jetzt augenblicklich darum, ohne Verzögerung und ohne Zweifel und mit klarer Entschiedenheit. Aber die Schüler heutzutage ziehen nicht mit. Es fehlt ihnen an Selbstvertrauen. Deshalb lauft auch ihr geschäftig hin und her, getrieben von den jeweiligen Umständen, und lasst euch ablenken von den 10 000 Dingen dieser Welt. Ihr könnt euch einfach nicht davon befreien. Gelingt es euch aber, euren Geist zu kontrollieren und ihn nicht nach der Pfeife der Wünsche tanzen zu lassen, dann werdet ihr euch nicht von Buddha und den Patriarchen unterscheiden.
Wollt ihr wirklich wissen, wer der Buddha ist? Kein anderer als ihr, die ihr hier dem Dharma lauscht. Gerade wegen eures Mangels an Selbstvertrauen wendet ihr euch nach aussen und rennt, aufgeregt suchend, umher. Selbst wenn ihr dort in der Aussenwelt etwas findet, so sind es doch nur Worte und Buchstaben. Nie findet ihr dort den lebendigen Geist der Patriarchen. Lasst euch nicht betrügen. Zen-Freunde, wenn ihr „ihm“ nicht in diesem Augenblick begegnen könnt, dann werdet ihr vergeblich suchend in der 3fachen Welt 10 000 Weltzeitalter und
1000 Geburten lang umherirren. Und, indem ihr den erstrebenswerten Dingen in der stinknormalen Welt nachjagt, werdet ihr im Schosse von Eseln und Kühen wiedergeboren werden. Weggefährten, so wie ich es verstehe, unterscheidet ihr euch in Wirklichkeit nicht von Shâkyamuni Buddha. Ihr da, mit all eurer Geschäftigkeit und dem dazugehörigen Imponiergehabe, woran mangelt es euch? Unsere 6 Sinne (der 6. Sinn im Buddhismus ist das Denken) sind pausenlos in Betrieb. Wer das versteht, kann frei davon Gebrauch machen, ist ein freier Mensch und muss nach nichts suchen, da er alles hat, was er braucht.

Zen-Freunde, es gibt keinen Ruheplatz in der 3fachen Welt. Es ist wie in einem brennenden Haus. Das hier ist nicht der richtige Aufenthaltsort für euch. Der mörderische Dämon der Unbeständigkeit rafft in einem einzigen Augenblick, ohne zwischen hochwohl- geborener und niederer Herkunft zu unterscheiden, alt und jung hinweg. Wenn ihr euch nicht unterscheiden wollt von den Buddhas und Patriarchen, dann sucht nicht nach irgend etwas ausserhalb von euch. Der reine bedingungslose Geist des Augenblicks ist der Dharmakâya-Buddha in eurem eigenen Haus, ist die Verkörperung Buddhas durch euch selbst. Das Wirken dieses bedingungslosen Geistes, das reine Bewusstwerden in diesem Augenblick ist der Sambhogakâya-Buddha in eurem eigenen Haus, ist die Verwirklichung der Buddha-Natur in euch. Das ungebrochene Licht, die undifferenzierte Klarheit eures Geistes, die in diesem Augenblick herrscht, ist der Nirmänakâya-Buddha, ist die Erleuchtung aus euch selbst heraus. Die Dreieinheit dieser Verkörperungen Buddhas ist niemand anders als derjenige, der mit euren Augen sieht, welcher mit Hilfe eurer Ohren meinen Erklärungen über das Dharma lauscht. Zu dieser Seh- und Hörweise könnt ihr nur kommen, wenn ihr nicht in der Aussenwelt herumhastet und wie blöd sucht. Diejenigen, welche die Sütren und Lehrschriften studieren, halten die 3fache Verkörperung Buddhas für absolut. Meiner Erkenntnis nach ist das falsch. Diese 3 Verkörperungen sind nichts als Namen oder Requisiten. Ein alter Meister sagte einmal: ›Die 3 Körper des Buddha sind erdacht worden mit der Absicht, den 3 Wirkungsweisen Buddhas eine Bedeutung, eine Gestalt zu geben. Richtig erkannt und klar verstanden sind die Dharma-Körper und die Dharma-Kräfte nichts anderes als Sinnbilder.<

Zen-Freunde, versucht, ›den< zu entdecken, der mit diesen Sinnbildern spielt. ›Er< ist die ursprüngliche Quelle aller Buddhas. Überall, wo ihr ›den< entdeckt, seid ihr zu Hause. Euer fleischlicher Körper, aus den 4 Elementen geformt, versteht nicht das Dharma, das ihr gerade vernehmt. Auch eurer Milz, eurem Magen, der Leber oder der Gallenblase gelingt das nicht. Auch das Weltall, die Leerheit des Raums, versteht das Dharma nicht. Wer dann kann das Dharma verstehen und ihm zuhören? Da gibt es ›einen<, der hier unmittelbar mit euren Augen sieht. ›Er< ist ganz klar und leuchtet strahlend ohne jede Form – ›der< ist es, welcher das Dharma verstehen kann, dem ihr gerade zuhört. Wenn ihr das wirklich begreifen könnt, dann seid ihr überhaupt nicht verschieden von den Buddhas und Patriarchen. Unaufhörlich ist ›dieser eine< ungeteilt anwesend. Wenn aber Leidenschaften entstehen, geht die Weisheit verloren, das Wissen in euch erlischt, und die Buddha-Natur trennt sich vom Wechselspiel der Vorstellung. Das ist die Ursache für das Bedingtsein durch die 3fache Welt mit allen dementsprechenden Leiderfahrungen. Aber, wie ich selbst erkannt habe, gibt es nichts, das nicht an sich vollkommen ist, nichts, wovon man sich nicht lösen könnte.

Weggefährten, das Dharma hat keine Form und durchdringt die 10 Richtungen. Es ist überall. Im Auge wird es Sehen genannt, im Ohr Hören, in der Nase Riechen, im Mund Sprechen, in der Hand Greifen, in den Füssen Gehen. Grundsätzlich gibt es nur ein ungebrochenes Licht, das sich in die Spektren der 6 Sinne aufgliedert. Wenn der Geist vollständig zur Ruhe kommt, dann ist jeder frei, wo immer er sich befindet. Warum sage ich so etwas? Es geschieht, weil ich euch, Weggefährten, mit einem unruhigen Geist herumgeistern sehe, unfähig innezuhalten, und obendrein werdet ihr zum Spielball der alten Meister. Weggefährten, aus dieser eigenen Erkenntnis heraus sage ich euch ein für alle Mal, übt Zazen, indem ihr dem Sambhogakâya-Buddha und dem Nirmânakâya-Buddha die Köpfe abschneidet. Auch die, welche sich nur mit der Vervollkommnung ihrer 10stufigen Bodhisattva-Entwicklung” befassen, sind nichts als Sklaven. Alle die, Welche selbstzufrieden sich auf das grosse und tiefe Erwachen hintreiben lassen, sind nichts anderes als trübe Gesellen, die sich in Fesseln und Ketten herumschleppen. Arhats” und Pratyeka-Buddhas“ sind wie Jauchegruben. Das Erwachen wie auch das Nirvana sind nichts anderes als Pfosten zum Anbinden für Esel. Warum wohl verhält es sich so? Weil ihr, Weggefährten, es verfehlt, die eigentliche Leerheit der 3fachen Welt zu begreifen. Das ist das Hindernis, welches euch blockiert. Ganz anders verhält sich der wahre Zen-Mensch. Er entspricht den Umständen, fegt so sein altes Karma aus und lässt den Dingen ihren Lauf. Er verhält sich entsprechend, das ist alles. Wenn er gehen möchte, dann geht er, wenn er stehen möchte, dann steht er. Nicht einmal für einen einzigen Augenblick strebt er nach der Buddhaschaft. Und Warum nicht? Wie sagte doch ein alter Meister: ›Wenn du den Buddha mit Hilfe endlicher Kräfte suchst, dann wird er entsprechend zum Sinnbild für Leben und Tod.< Zen-Freunde, Zeit ist kostbar. Bis jetzt rennt ihr kreuz und quer hierhin und dorthin, studiert Zen, sucht den Weg mit dem Kopf zu verstehen, jagt Namen und Sätzen nach, sucht nach Buddha, den Patriarchen und guten Lehrern und bemerkt nicht, dass ihr bis zur Halskrause angefüllt seid mit willkürlichen Beurteilungen und Bewertungen. Begeht doch nicht solche Irrtümer. Weggefährten, jeder von euch hat Vater und Mutter. Genügt das nicht? Haltet inne und kommt zu euch. Ein alter Meister sagte: ›Yadnadatta glaubte, seinen Kopf verloren zu haben. Als er aufhörte, wild danach zu suchen, fand er ihn da, wo er immer war, und ver-
stand, dass er nicht suchen konnte, was er nie verloren hatte.<

Zen-Freunde, seid einfach ihr selbst, und enthaltet euch phantasievoller Einbildungen. Es gibt da etliche Kahlköpfe unter euch, die nicht heilsam von unheilsam unterscheiden können. Sie kennen Götter und Teufel. Sie lenken die Aufmerksamkeit einmal nach Osten, und dann weisen sie bald darauf auf den Westen hin. Sie phantasieren von schönem Wetter und lieben eigentlich den Regen. So geht es immer weiter. Eines Tages jedoch werden sie Yama, dem Richter des Todes, ins Auge blicken. Sie müssen dann ihre Schulden zurückzahlen und rotglühende Eisenkugeln schlucken. Ihr Männer und Frauen, die ihr fehlgeleitet werdet von den Possen wilder Fuchsgeister, verstrickt euch in deren Mythen. Ihr blinden Dummköpfe! Es wird der Tag kommen, an dem ihr den vollen Preis für all eure ergaunerten Almosen zahlen müsst.“

Bei einer anderen Unterweisung sagt Zen Meister Rinzai zu seinen Mönchen: „Weggefährten, es ist am wichtigsten, dass ihr lernt, die Dinge klar zu erkennen. So könnt ihr dann eures Weges gehen und der Welt gegenübertreten, ohne euch täuschen zu lassen von solch irreführenden Fuchsgeistern. Nichts ist erstrebenswerter, als ein Mensch zu werden, der nichts weiter zu suchen braucht. Verursacht nicht unnötigerweise irgendwelche Wahnvorstellungen, bleibt einfach nur ihr selbst. Der Fehler liegt darin, dass ihr euch der Aussenwelt zuwendet und wild davon überzeugt seid, daran zweifeln zu müssen, ob ihr noch Hände und Füsse habt. Lasst euch nicht in die Irre führen. Sollte es euch wahrhaftig darum gehen, den Buddha zu suchen, so wird Buddha nichts als ein Name bleiben. Kennt ihr schon den richtig, der sich bemüht, den Buddha zu finden? Alle Buddhas und Patriarchen in der 3fachen Welt und den 10 Richtungen erscheinen auch nur, um das Dharma zu suchen. Auch die eifrigen Weggefährten heute suchen nichts anderes als das Dharma. Nur für den, der gefunden hat, gibt es ein Ende. Für den, der noch nicht gefunden hat, dreht sich das Rad des Lebens endlos weiter. Was ist eigentlich das Dharma? Es ist das Gesetz der Weisheit, der klaren Bewusstheit. Es hat keine Form, es durchdringt alles und wirkt ununterbrochen hier und jetzt vor deinen Augen. Hat jemand jedoch kein Selbstvertrauen, so jagt er Namen und Be- griffen nach. In einem Wirrwarr von Worten theoretisiert er schliesslich willkürlich über das Buddha-Dharma, der ihm in Wirklichkeit so fern ist wie der Himmel der Erde.

Weggefährten, welches Gesetz versuche ich zu erklären? Ich meine das Dharma in unserer tiefsten Tiefe, der unbedingten Bewusstheit. Es durchdringt alles, sowohl das Weltliche als auch das Heilige, das Reine und das Unreine, das Feine und das Grobe. Es ist für euch wahrhaft lebensrettend, keine Unterscheidungen zu treffen. Ihr nennt etwas fein und etwas anderes grob oder bezeichnet das eine als weltlich und das andere als heilig. Fälschlicherweise glaubt ihr dann, die Dinge zu verstehen, wenn ihr ihnen Namen und Bezeichnungen gebt. Das Feine und das Grobe, das Weltliche und das Nicht-Weltliche kann doch nicht dadurch verständlich werden, indem man es benennt. Weggefährten, verwirklicht es, gebraucht es oder meidet es, aber sperrt es nicht in tote Worte ein. Wenn ihr mit all den Dingen umgeht, als seien es nur geschriebene Worte, Bedeutungen, dann erzeugt ihr durch deren Deutung nichts als Mystik.

Das Gesetz des Dharmas, das ich euch vermitteln möchte, unterscheidet sich vollkommen von allen anderen Gesetzen. Sollten selbst Monju-Bosatsu” oder Fugen-Bosatsu“ persönlich vor mir erscheinen, um sich nach dem Dharma zu erkundigen, so Würde ich sie sogleich auf die Probe stellen und zum Schweigen bringen. Und ihr, Weggefährten, wenn jemand von euch kommt, um mich durch Klugscheisserei in ein Gespräch zu verwickeln, so werde ich auch ihn überprüfen und zum Schweigen bringen. Wie ich das mache, wollt ihr wissen? Meine Erkenntnis hat mich ein anderes Verhalten gelehrt. Im Alltag halte ich mich Weder am Gewöhnlichen noch am Heiligen fest. Innerlich klebe ich nicht an ehernen Werten, an verabsolutierenden Dogmen und Regeln. Klärt sich der Geist, so gibt es schliesslich keine Zweifel mehr.“ Weggefährten, das Buddha-Dharma existiert und ereignet sich aus sich selbst heraus ohne jegliches Zutun von aussen. Seid einfach nur ihr selbst, und sucht nach nichts. Verhaltet euch natürlich. Tragt eure Kleider und esst. Wenn ich müde bin, dann schlafe ich. Die Dummen lachen über mich, die Weisen verstehen es! Ein alter Meister sagte: ›Wer sich der Aussenwelt zuwendet und an ihr festhält, ist ein sturer, eigensinniger Trottel.< Meistert ihr jede Situation, wo immer ihr euch befindet, dann geschieht alles entsprechend, und ihr werdet nicht, vom Zwang der Umstände bedingt, umhergetrieben. Selbst wenn ihr in einem früheren chaotischen Leben die ›5 unheilsamsten Taten< begangen habt, so werden sich diese zu einem Meer der Befreiung wandeln, wenn ihr sie nie wieder zum Anlass für ein Tun werden lasst. Doch die Übenden heutzutage kennen das Dharma nicht. Sie sind wie Schafe, die an allem herumschnuppern und knabbern, was ihnen vor’s Maul kommt. Sie können weder den Schüler vom Meister noch den Gast vom Gastgeber unterscheiden. Diese Art von Menschen bemächtigen sich lauthals schreiend des grossen Gesetzes mit ungeordnetem Geist. Man kann sie einfach nicht wirklich Hauslose nennen. Es sind ganz stinknormale Menschen. Ein Mensch, der in die Hauslosigkeit geht, sollte sich dessen klar bewusst sein und alles ruhig und gelassen betrachten. Er sollte Buddha von Mara” unterscheiden können, das Heilsame vom Unheilsamen trennen können und das Bedingte nicht mit dem Unbedingten verwechseln. Nur wer dieses Wissen erlangt hat, der kann Wirklich ein Hausloser genannt werden. Wer jedoch Buddha von Mâra unterscheiden gelernt hat, der verlässt sein Haus nur, um woanders bequemen Unterschlupf zu finden. So einen nennt man einen karmaproduzierenden Menschen, nie einen wirklich Hauslosen. Träten nämlich Buddha und Mâra in einer Gestalt vor ihn hin, so gelänge es ihm nicht, sie auseinanderzuhalten. So wie eine Königsgans es versteht, aus einem Gemisch von Wasser und Milch nur die Milch zu trinken, so gelingt es dem klarbewussten Weggefährten, beide, sowohl Buddha als auch Mära, aufzustöbern und damit zu leben. Wenn ihr das Besondere liebt und das Gewöhnliche ablehnt, dann werdet ihr endlos im Meer von Geburt und Tod auf- und abtreiben.“

Ein Mönch fragt: „Was sind denn Buddha und Mâra?“ Zen Meister Rinzai sagt: „Ein Moment des Zweifelns in deinem Herzen, ein Moment der Unklarheit in deinem Bewusstsein, das nennt man Mara. Wenn du aber begreifst, dass die 10 000 Dinge eigentlich ungeboren sind und dass das Herz, das Denken, eine trügerische Phantasie ist, dann begreifst du auch, dass nicht ein Ding, selbst keines von der Grösse auch nur eines Staubkorns, an sich existiert. Überall herrscht Reinheit, und das nennt man Buddha. Es wird behauptet, dass Buddha und Mära das Reine und das Unreine verkörpern. So wie ich es erkannt habe, gibt es keinen Buddha, keine Lebewesen, keine Vergangenheit und keine Gegenwart. Diejenigen, welche ein solches Erkennen verwirklichen können, handeln sofort dementsprechend ohne Übung oder göttliche Offenbarung, ohne Gewinn und ohne Verlust. Für solche Menschen gibt es kein anderes Dharma und keine andere Wirklichkeit. Behauptet jemand, es gäbe da doch eine andere Wirklichkeit, dann sage ich euch ohne Zögern, das ist ein Phantom, das ist ein Traum. Seht, das ist alles, was ich lehre.

Weggefährten, derjenige, welcher hier und jetzt in sich ruht, klar und lebendig vor mir sitzt und zuhören kann, der ist nirgendwo einer Bedingung ausgeliefert. Unbehindert durchdringt er alle Bereiche und bewegt sich frei in der 3fachen Welt. Die verschiedensten Situationen, in die er kommt, beeindrucken ihn nicht. In nur einem Augenblick dringt er bis auf den Grund der Dinge vor. Trifft er Buddha, so redet er mit ihm, trifft er Arhats, so bekommt er mühelos Kontakt mit ihnen, und trifft er auf hungrige Geister, so setzt er sich auch mit diesen auseinander. Wer so leben kann, der geht überall hin, durchwandert die Länder, redet mit den Menschen und lässt sich nicht durch einen einzigen Gedanken in seiner durchdringenden Klarheit beirren. Die 10 Richtungen durchdringend, sind die 10 000 Dinge von einer einzigen Soheit. Im Sosein ist alles eins.

Weggefährten, wenn ihr das gründlich begreift, dann bleibt nichts zu suchen übrig, und ihr seid befriedet. Weil ihr jedoch kein Vertrauen in euch selbst habt, lauft ihr aufgeregt durch die Gegend und sucht euren Kopf, den ihr glaubt, verloren zu haben. Ihr kommt nicht zur Ruhe. Ihr gleicht eilig erleuchteten Bodhisattvas, welche die Verkörperung dieser Welt zwar durchschaut haben, sich nun aber nach dem reinen Land, dem Paradies, sehnen und voll Verachtung für das irdische Jammertal hier sind. Wenn ihr so seid, dann habt ihr den Zustand der Dualität, des Festhaltens und Loslassens noch nicht überwunden und euer Herz, euer Bewusstsein, enthält noch beides (Schmutz und Reinheit Die Zen-Schule vertritt nicht so eine Anschauungsweise. Die Wahrheit offenbart sich immer im Jetzt ohne jegliche Verzögerung. All das, worüber ich spreche, ist nichts als Medizin, geeignet, um spezielle Leiden zu heilen. Meinen Ausführungen liegt kein Absolutheitsanspruch zugrunde. Ich erdreiste mich nicht, alleinseligmachend zu sein. Gelingt es euch, das richtig zu begreifen, dann seid ihr wirklich Hauslose. Ihr könnt dann auf unbedingte Weise glücklich sein, wie vergleichsweise ein Materialist es wäre, wenn er täglich 10 000 Goldstücke einnehmen oder ausgeben könnte.

Weggefährten, lasst euch nicht irreführen von lehrern, die immer behaupten: ›Ich kenne Zen, ich verstehe den Weg<, und die in endlosen Diskussionen lossprudeln wie reissende Gebirgsbäche. All diese Akti- vitäten erzeugen unheilsames Karma. Wer sich wahrhaftig auf dem Weg befindet, der sucht nicht nach den Fehlern dieser Welt, sondern der versucht, geradeaus hin, ohne Umwege, zur unverfälschten Einsicht zu ge- langen. Wer nur mit ursprünglicher Klarheit zu sehen vermag, erkennt, dass alles an sich vollkommen ist.“

Jemand fragt: „Was ist ursprüngliche Klarheit?“ Zen Meister Rinzai sagt: „Tretet ein in den Bereich des Weltlichen und des Überweltlichen, des Unreinen und des Reinen, in das Lotosland des Buddha, in die zukünftigen Gemächer des Maitreya” und in das himmlische Reich des Vairocâna. Ihr werdet finden, dass sie allesamt dem Gesetz von Entstehen und Vergehen unter- geordnet sind. Buddha erschien in dieser Welt, setzte das Rad der Lehre in Bewegung, und ging dann in das Nirväna ein. Für Buddha aber war das Eingehen in das Nirvana nicht ausschlaggebend für sein Kommen oder Gehen. Solange ihr auch versucht, Geburt und Tod zu ergründen, am Ende werdet ihr doch nichts verstanden haben. Betretet einfach und direkt den Bereich des todlosen Dharmas, und lebt darin. Geht doch in das Lotosland. Überall, wo ihr hinkommt, werdet ihr erkennen, dass alles leer und nicht wirklich, das heisst aus sich selbst heraus wirkend, ist. Ihr werdet nur den unbedingten Menschen des Weges erfahren, der gerade in diesem Augenblick der Verwirklichung des Dharmas beiwohnt. Dies ist die Mutter aller Buddhas. Deshalb wird jeder Buddha aus der Unbedingtheit geboren. Wenn ihr wirklich diese Unbedingtheit begreift, dann werdet ihr erkennen, dass die Buddhaschaft nicht etwas ist, was zu erlangen, zu ergreifen ist. Derjenige von euch, der fähig ist, es so zu begreifen, hat ursprüngliche Einsicht.

Suchende pflegen sich unaufhörlich an Namen und Begriffen festzuklammern und lassen sich beeindrucken von Predigtworten wie ›sündhaft< und ›heilig<. Sie verdunkeln nur das Erkennen, und es fehlt ihnen jegliche klärende Lebendigkeit. Es kann so kein Verstehen der Wirklichkeit geben. Die 12fache Lehre ist nichts als oberflächliches Gerede. Da ihr Suchende das nicht durchschaut, sucht ihr Halt beim oberflächlichen Hantieren mit Worten oder greift nach Offenbarungen und liefert dazu sogar noch eigene theologische Deutungen. All das führt zu nichts anderem als zur Untermauerung der eigenen Abhängigkeit. Dementsprechend unterliegt ihr dem Gesetz von Ursache und Wirkung und könnt der Geburt und dem Tod in der 3fachen Welt nicht entrinnen. Wünscht ihr euch aber von Geburt und Tod zu befreien, wie auch vom Zwang des Kommens und Gehens, des Ankleidens und des Ausziehens, dann nehmt von ›dem< Kenntnis und haltet ›ihn< fest, der gerade in diesem Augenblick jetzt und hier dem Dharma lauscht. Es hat weder Form noch Gestalt, weder Wurzeln noch Stamm, noch ist ihm ein fester Platz eigen. Es ist frei wie ein springender Fisch im Wasser und handelt den jeweiligen Umständen entsprechend. Die Art seines Handelns ist nicht festgelegt. Sucht ihr nach ihm, so entwischt es euch. Je mehr ihr sucht, desto ferner ist es. Deshalb wird es als ›geheimnisvolk bezeichnet. (Die Wirklichkeit erscheint so lange ›geheimnisvolk, wie der Suchende darüber denkt, anstatt sie einfach ›wirken< zu lassen. Dabei erkennt er sie, und ein Glauben entfällt von selbst. )

Weggefährten, vertraut nicht dem in euch, was sich als körperliche Vorstellung oder gedankliche Verkörperung zeigt. Früher oder später wird es wieder der Vergänglichkeit zum Opfer fallen. Sucht ihr echte Befreiung in dieser Welt? Dann esst eine Handvoll Reis, und verbringt eure Zeit damit. Um so leben zu wollen, braucht ihr einen erfahrenen Lehrer. Verschwendet keine Zeit, und jagt nicht unvergnüglichen Vergnügungen nach. Zeit ist kostbar und vergeht in Windeseile. Auf der materiellen Ebene seid ihr gebunden an Erde, Wasser, Feuer und Luft. Auf der geistigen Ebene seid ihr be- grenzt durch die 4 Arten des Glaubens an: Geburt, Dasein, Wandel, Verlöschen. Glaubt nicht! Weggefährten, begreift doch unmittelbar die Nichtexistenz von alledem, und seid frei vom Zwang der Bedingungen.“

Jemand fragt: „Was sind die 4 Arten des Glaubens, was sind die 4 Bedingtheiten?“ Zen Meister Rinzai sagte: „Ein Augenblick des Zweifelns in deinem Herzen, und du fühlst dich erdgebunden. Ein Augenblick des Wünschens in deinem Herzen, und du ertrinkst im Meer. Ein Augenblick des Ärgers in deinem Herzen, und du verbrennst im Feuer. Ein Augenblick der Freude im Herzen, und der Wind trägt dich fort. Ist dir das klar geworden, dann wirst du nicht länger auf Gedeih und Verderb den Bedingungen ausgeliefert sein. Du wirst ihnen entsprechen oder nicht, wo immer du dich aufhältst. Tauche im Osten auf, und verschwinde im Westen. Erscheine im Süden, und löse dich im Norden auf. Sei mitten im Zentrum, und verschwinde in der Peripherie. Sei in der Peripherie, und verschwinde mitten im Zentrum. Geh‘ so sicher auf dem Wasser, als ob es fester Boden wäre. Bewege dich auf dem Land ebenso wie auf dem Wasser. Warum ist das so? Weil du erkannt hast, dass die Bedingtheiten wie Träume oder Illusionen sind. Weggefährten, die ihr mir gerade zuhört, ihr seid nicht die 4 Elemente“ selbst, sondern ihr seid jemand, der von den 4 Elementen Gebrauch machen kann. Habt ihr das einmal gründlich verstanden, dann seid ihr frei, zu kommen und zu gehen. So wie ich es erkannt habe, gibt es nichts Verachtenswertes. Wenn ihr das Heilige anhimmelt, dann wird ›heilig< zu etwas, zu einem Wort, und letztendlich wird es für euch zu einem Fallstrick werden. Einst gab es einen Suchenden, der den Wutai-Berg” erklomm, um Monju zu finden. Wollt ihr Monju wirklich kennenlernen? Er befindet sich hier. Mit euren Augen sieht er. Ununterbrochen handelt er, ohne sich zu verändern. Alles erkennt er klar ohne den geringsten Zweifel. Wenn ihr so handelt, dann seid ihr selbst der lebendige Monju-Bosatsu. Wenn euch Klarheit und Nicht-Unterscheidung tragen, dann seid ihr überall und immer der echte, lebendige Fugen- Bosatsu. Gelingt es euch auch noch, euer Herz, euren Geist, von den selbstgefertigten Fesseln zu befreien, dann begegnet euch diese Freiheit überall wieder, und ihr seid auch wie der lebendige Kannon-Bosatsu im Zustand vollkommener Freiheit. Gemeinsam erscheinen Monju-Bosatsu (Manjusri), Fugen-Bosatsu (Samantabhadra) und Kannon-Bosatsu (Avalokiteshvara) zusammen wie ein Meister. Gleichzeitig erscheinen sie wie einer in drei und wie drei in einem. Nur wer das begreifen kann, ist in der Lage, in die Lehre des Buddha einzudringen und sie zu durchdringen.“

Zen Meister Rinzai wendet sich an seine Mönche: „Was die Schüler des Weges brauchen, ist Selbstvertrauen. Sucht nach nichts ausserhalb von euch selbst, denn damit wirbelt ihr nur unnütz Staub auf und könnt dann nicht mehr Echtheit von Falschheit unterscheiden. Selbst die Buddhas und Patriarchen sind nur wie Wegweiser auf dem Weg der Erkenntnis. Da gibt es welche unter euch, die sich einen Satz aus den Lehrre- den herauspicken, der euch halb verständlich und halb unverständlich ist. Damit schafft ihr Verwirrung und versetzt Himmel und Erde in Unruhe, rennt umher, befragt Gott und die Welt und verharrt so in geschäftiger Verblendung. Der echte Mensch des Weges, der echte Zen-Mensch, blickt nicht nach rechts und links, verbringt seine Zeit nicht damit, um über Rechtschaffene und Gauner, dies und das, richtig und falsch, Form und Nicht-Form oder andere abstrakte Begriffe vergeblich zu diskutieren. Kommt jemand mit einer Frage zu mir, dann durch- schaue ich ihn gründlich, ganz gleich, ob er Mönch oder Laie ist. Welche Begriffe er mir auch immer anträgt, er lernt sie alle als leere Worte und Namen, als Vorstellungen und Gehirnfurze zu entlarven. Die Absicht des tiefgründigen Lehrens aller Buddhas besteht darin, den in uns sichtbar werden zu lassen, der in der Lage ist, alle Lebensumstände zu beherrschen. Die Buddha-Natur kann von sich selbst nicht sagen: ich bin die Buddha-Natur. Es ist vielmehr der unabhängige Mensch des Weges, der in allen Lebensfragen von seiner Buddha-Natur Gebrauch macht, indem er sie einfach walten lässt. Fragt mich jemand, wo er wohl nachder Buddha-Natur suchen solle, so begegne ich ihm mit meiner Buddha-Natur. Fragt mich jemand nach Bodhisattvas, so zeige ich ihm echtes Mitleid, die Eigenschaft aller Bodhisattvas. Fragt mich jemand nach der Erleuchtung, dann antworte ich ihm durch Nicht-Antworten, und zeige ihm somit Unaussprechlichkeit. Fragt mich schliesslich jemand nach Nirväna, dann lasse ich ihn teilhaben an der Stille, der Funktion des Nirvana. Verhaltensweisen sind Festlegungen, Differenzierungen in 10 000 facher
Weise. Aber da gibt es „jemand“, der immer gleich bleibt, der unveränderbar ist. Findet „ihn“. Formen erscheinen dann, wenn Bedingungen zur Formgebung entstehen. Etwa so wie der Mond sich spiegelt, wenn Wasser da ist, das ihn reflektiert.

Weggefährten, möchtet ihr das Dharma tatsächlich verwirklichen? Wenn ja, dann ist es unerlässlich, zu einem Menschen zu werden, der versteht, dass es nichts
zu suchen gibt. Durch Antriebslosigkeit, Selbstgefälligkeit und Selbstmitleid machen wir uns selbst unbrauchbar, so wie dünnfliíssige Buttermilch nicht in einem gesprungenen Topf aufbewahrt werden kann.

Um die Aufnahmebereitschaft eines grossen Behälters zu nutzen, ist es wichtig, ihn nicht mit Unrat oder ähnlichen Dingen vollzustopfen. Wird jemand sein eigener Meister, dann herrscht Wahrheit überall dort, wo er geht und steht. Was immer geschieht, lasst es geschehen, denn es geschieht unabhängig von eurem Wollen und Nicht-Wollen. Doch schon ein Augenblick des Zweifels genügt, um Mara Besitz von euch ergreifen zu lassen, so wie Geburt und Tod einem zweifelnden Bodhisattva auch Grenzen setzen. Hört auf zu denken, und gebt euer Suchen in dieser Welt auf. Was immer auf euch zukommt, betrachtet es mit klarem Bewusstsein. Vertraut nur dem, der aus eurem Bauch heraus handelt. Alles wird sich dann als an sich leer zeigen, und es wird keine Probleme mehr geben. Werden in eurem Herzen, in eurem Bewusstsein, die
Bedingungen der 3fachen Welt wirksam, dann werdet ihr zum Verursacher, liefert euch den Umständen aus und werdet durch die Wirkungen zum Sklaven eurer 6 Sinne. Ihr erntet, was ihr sät. Was fehlt euch eigentlich? Geht nicht von selbst alles glatt? Im Handumdrehen betretet ihr das ›reine Land< und ebenso rasch den Sumpf. Ihr betretet die Gemächer von Maitreya und auch die 3 Ebenen“ der durchdringenden Erkenntnis. Überall wo ihr hinkommt, werdet ihr erkennen, dass alles Benannte in Wirklichkeit leer ist.“
Jemand fragt: „Was sind die 3 Ebenen der durchdringenden Erkenntnis?“ Der Meister sagt: „Ich betrete mit dir das Reich der höchsten Reinheit, trage das Kleid der Reinheit und erläutere den Dharmakäya-Buddha, indem ich mich wie ein Buddha verkörpere. Oder wir begeben uns gemeinsam auf die Ebene der Nicht-Unterscheidung, und ich
erläutere den Sambhogakäya-Buddha, indem ich mich wie ein Buddha verhalte. Oder wir betreten das Reich der Befreiung, der Erlösung, und ich spreche zu dir von dem Nirmänakäya-Buddha, indem ich dich zur eigenen Erleuchtungserfahrung führe. Die 3 Ebenen der durchdringenden Erkenntnis sind abhängig vom Wechsel der Zustände. Lasst es mich vom Gesichtspunkt der Sütren und Schriften erklären: Der Dharmakâya ist eine Situation. Der Sambhogakâya ist eine Funktion. Der Nirmänakâya ist eine Beziehung. In eine Frage gekleidet lautet es so: Wer ist der Buddha, was tut er, und was ist er? Aber, wie ich es verstehe, macht der Dharmakäya allein das ganze Dharma nicht begreiflich, das heisst die Situation erklärt nicht auch die Funktion und Beziehung. Darüber sagte ein alter Meister: „Die Verkörperung Buddhas (wie alle Körper) ergibt sich gemäss einer Bedeutung. Eine Vorstellung nimmt durch ihre Benennung eine Gestalt an, wird gegenständlich.“ (Die Verhaltensweise Buddhas – wie alle Verhaltensweisen – ergeben sich gemäss der unterschiedlichen Verkörperungen. Unterschiedliche Gegenstände bieten sich aufgrund unterschiedlicher Form zu unterschiedli-
chem Gebrauch an. ) Die Bedeutung der Verkörperungen und Verhaltensweisen ist klar. Sie lassen das Dharma in Form und Funktion erscheinen. Aufgrund solch menschlicher Eichungen verlien das Dharma seine eigentliche Universalität und wird zu einer Art schlechter Werbung, vergleichbar mit versprochenen gelben Blättern in der leeren Hand, um kleine Kinder anzulocken. Es gleicht so den trockenen Stacheln von Wassernüssen. Warum sucht ihr nach Saft in ausgedörrten Knochen, nach Lebenswirksamkeit in toten Verkörperungsvorstellungen
und wortabstrakten Schriften? Es gibt kein Dharma ausserhalb des Lebens selbst, noch irgend etwas Festgelegtes im Leben selbst. Wonach sucht ihr also?“
„Ihr behauptet: Überall wo es Übung gibt, wo angeblich Zazen geübt wird, da gibt es auch Verwirklichung. Täuscht euch nicht. Wenn überhaupt etwas durch Übung erreicht werden kann, so erzeugt solches Tun nur einen Anfang und hat schliesslich ein Ende. lhr behauptet: Wir üben uns in den 6 Tugenden“ und den 10 000 Verhaltensweisen. Nach Buddha und dem Dharma zu suchen, erzeugt nur Scheiss-Karma. Nach den Bodhisattvas zu suchen,
heisst auch nur Karma zu schaffen. Selbst das Lesen von Sutren und Traktaten erzeugt auch nichts anderes als Karma. Buddhas und Patriarchen sind Menschen, die nicht weiter nach irgend etwas suchen. Ob ihr euch nun bemüht oder nicht, ob ihr folgerichtig handelt oder nicht, alles ist nichts als Tun ohne einen Wert an sich. Wenn ihr dem Tun nicht einen Wert zuordnet, so hat es keinen.

Unter euch Kahlköpfen gibt es etliche, die ihre zugeteilten Mahlzeiten einnehmen und dann pflichtgemäss Zazen üben. Sie stecken das natürliche Leben in ein Gefängnis und lassen es sich nicht von selbst leben. Sie wenden sich ab vom Alltagsgeschehen, um nach der sogenannten Gemütsruhe zu suchen. Das sind Praktiker, die zu anderen Wegen gehören, nicht zum Zen- Weg. Ein Patriarch sagte einmal:  „Wenn du das Denken anhältst, dann erkennst du die Stille. Wenn du dich dem Denken hingibst, so bleibst du dem Aussen verhaftet. Wenn du das Denken zurücknimmst, dann wird dein Inneres klar. Konzentriere deinen Geist, dann trittst du in Samâdhi” ein.“ Aber all das sind nur irgendwelche Formen des Tuns. Kennt ihr nicht  „den“, der gerade jetzt nur dem Dharma lauscht? Gibt es irgendeine Notwendigkeit, sich „dem“ durch Übung zu nähern,  „ihn“ zu beweisen und „ihn“ zu würdigen? „Er“ ist nicht jemand, dem ihr euch nähern oder den ihr verehren könnt. Ausserdem, wenn „der“, von dem ich spreche, sich selbst hervorheben wollte, etwas Besonderes wäre, dann müsste auch jedes alltägliche Ding zu etwas Besonderem gemacht werden. Lasst euch nicht verwirren.

Weggefährten, ihr greift nach den Worten, die den Mäulern der alten Lehrer entschlüpfen, und sagt: „Das ist der wahre Weg, diese alte Weisheit ist wunderbar. Ich selbst bin nur ein einfacher Mensch und darf es nicht wagen, mich mit solch grossen Meistern zu vergleichen“ Ihr blinden Esel, ihr Schwachköpfe! Ein ganzes Leben lang haltet ihr an solchen Ansichten fest, selbst dann noch, wenn es die eigenen Augen anders bezeugen. lhr gleicht zitternden Eseln auf dem Eis und beisst vor Angst die Zähne zusammen. lch fürchte mich nicht, etwas gegen diese Lehrer zu sagen. Ich halte auch nicht den Mund aus Angst vor schlechtem Karma. Weggefährten, nur ein aufrichtiger Lehrer wagt es, die Buddhas und Patriarchen anzugreifen, wagt es, alles zu kritisieren, wagt es, dem Dreikorb der Buddhalehre“ die Stirn zu bieten, stellt unfähige Mönche bloss und versucht, auf diese Weise direkt oder indirekt den wahren Menschen aus ihnen hervorzulocken. Seit etwa 12 Jahren halte ich Ausschau nach einem Menschen solcher Art, aber ich war noch nicht einmal in der Lage, auch nur einen Schatten davon zu finden. Ich fürchte, dass die Zen-Lehrer sich heutzutage wie frisch vermählte Bräute verhalten, ängstlich und verunsichert, dass sie aus dem Tempel gejagt werden könnten und dann verhungern müssten. Seit altersher hat man echten Meistern nicht geglaubt. Erst als sie gegangen waren, da erkannte man ihre wahre Grösse. Derjenige, der bei allen Anerkennung findet, taugt der wirklich etwas? Das Brüllen des Löwen zerschmettert das Gehirn des Schakals.“

„Weggefährten, überall wird erzählt, wie man Zen üben und das Dharma verwirklichen sollte. Also bitte, sagt mir, wie verwirklicht man das Dharma, wie übt man richtig Zen? In diesem Moment, so frage ich ausdrücklich, was fehlt euch zum Leben? Welche Notwendigkeit besteht, etwas durch Übung zu verbessern? Junge Mönche, die ihr nichts verstanden habt, warum vertraut ihr noch immer tollwütigen Fuchsgeistern (alten Meistern )? Warum lasst ihr euch verwirren durch deren Vorstellungen samt ihrem blöden Gerede, wie man die Einheit von Ordnung, Lehre und Übung zu wahren habe in Gedanken, Worten und Taten, um auf diese Weise schliesslich Buddhaschaft zu erreichen. Solche und andere Ergüsse sind so wenig wünschenswert wie häufige Aprilregenschauer. Ein alter Meister sagte:  „Begegnet dir ein Mensch des Weges, dann stehe nicht auf dem Weg herum.“ Deshalb heisst es: Wer die Absicht hat, den Zen-Weg zu gehen, der gerade geht ihn nicht. Denn anstelle dessen jagen sich nämlich 10 000 wilde Zen-Vorstellungen gegenseitig im Kopf. Erst wo das Schwert des Monju-Bosatsu, das Schwert der Weisheit, dazwischen schlägt, bleibt nichts von den
Gedankenkonstruktionen mehr bestehen. Noch kurz bevor die Sonne aufgeht, herrscht überall Dunkelheit. Zen-Freunde, wonach sucht ihr? Der, welcher sich in euch klar und deutlich zu erkennen gibt und gerade dem Dharma lauscht, diesem ›unbedingten Weggefährtem mangelt es an nichts. Wollt ihr euch nicht von den Buddhas und Patriarchen unterscheiden, dann seht endlich ein, worin ich euch Einblick nehmen lassen möchte. Hört auf zu grübeln und Vermutungen anzustellen. Wäre euer Geist nicht ständig in Unruhe, würdet ihr nicht dauernd
denken, dann könntet ihr selbst sofort ein lebendiger Meister sein.
Durch das Denken trennen sich eure Handlungen von eurer Ursprungsnatur. Denkt ihr nicht, so sind alle Handlungen in Einklang mit der Buddha-Natur.“

Jemand fragt: „Was ist das für eine Geisteshaltung, die nicht Unruhe ist?“ Zen Meister Rinzai sagt: „In dem Augenblick, wo du dich das fragst, entsteht schon Unruhe, und es vollzieht sich eine Trennung zwischen der Buddha-Natur und den Handlungen. Weggefährten, lasst euch nicht täuschen. Innerhalb und ausserhalb der Welt gibt es nicht ein einziges Ding, was ein eigenes Selbst, eine Seele, hat, noch gibt es einen Schöpfer. Alles sind nur leere Namen, und selbst die einzelnen Buchstaben dieser Namen sind leer. Diese leeren Namen für die Wirklichkeit zu halten, lässt euch einen folgenschweren Fehler begehen. Die Existenz dieser Worte hängt vom Wechsel der Umstände ab. Sie sind wie Kleider zum An- und Ausziehen. Es gibt das Kleid der Erleuchtung, des Nirvâna, der Befreiung, der 3fachen Verkörperung“, der Weisheit und schliesslich die Kleider der Bodhisattvas und das des Buddhas. Was habt ihr überhaupt im Reich der wechselnden Bedürftigkeit zu suchen? Die 3 Fahrzeuge“ und die
12 fache Lehre des Buddha zusammen sind nichts als Abfallpapier, um sich den Arsch damit abzuwischen. Der Buddha ist ein erdachtes Trugbild. Die Patriarchen sind verkalkte Mönche. Ihr da, seid ihr nicht alle von einer Mutter geboren worden? Wenn ihr nach dem Buddha sucht, wird euch der Buddha-Teufel holen. Sucht ihr nach den Patriarchen, dann werdet ihr vom Patriarchen-Dämon gefesselt. Was immer ihr suchen werdet, es lässt euch leiden. Hört auf zu suchen.“

„Es gibt da gewisse glatzköpfige Mönche, die ihren Schülern weismachen wollen, der Buddha sei das Höchste der Weisheit. Er habe das Ziel erreicht, indem er durch drei Weltzeitalter hindurch seine Übung schliesslich zu vollkommener Reife entfaltet habe. Weggefährten, wenn ihr behauptet, der Buddha sei das Höchste, wie kommt es dann, dass er im Alter von 80 Jahren starb und nun zwischen zwei Bäumen in der Stadt Kushinagara begraben liegt? Wo ist er jetzt, der Buddha? Es ist doch wohl deutlich geworden, dass er wie wir lebte und schliesslich starb. Auf diese Weise unterscheidet er sich gar nicht von uns. Ihr meint vielleicht, dass die 32 Merkmale und die 80 Eigenschaften der überlieferten Lehre den Buddha hervorheben. In diesem Falle müsste der grosse Weise, der das Rad der Lehre in Bewegung setzte, auch ein Tathägata” gewesen sein. Klar betrachtet sind das alles Täuschungen und Vorstellungen.

Ein alter Meister sagte: „Die 3 Verkörperungen des Tathâgata sind nichts anderes als die Entsprechungen von Vorstellungen und Glauben.“ Sie entstanden aus der Furcht des Menschen, dass er ohne Vorstellungen und Glauben einem Nihilismus zum Opfer fiele. Leere Worte haben nur eine zweckdienliche Funktion. Erwähnt man auch gelegentlich die 32 Merkmale und die 80 Eigenschaften des Buddhas, so bleiben sie an sich nichts als leere Töne. „Der materielle Körper ist nicht cler wirkliche Körper. Die wahre Gestalt hat keine Form.“

Ihr behauptet, der Buddha habe 6 übernatürliche Kräfte, und diese seien ein Wunder. Aber sämtlichen Devas, Unsterblichen, Asuras und den mächtigen Dämonen gesteht ihr auch übernatürliche Kräfte zu. Müssten sie demnach nicht auch wie Buddha sein?
Weggefährten, lasst euch nicht beirren. Asura, geschlagen in der Schlacht mit dem Himmelskönig Shakra, versteckte seine 84 000 Krieger im hohlen Stiel einer Lotosblume. Aber das macht doch noch keine Heiligkeit. Ich betrachte all diese übernatürlichen Kräfte als karmisch und bedingt. Sie haben nichts zu tun mit den 6 übernatürlichen Kräften, die Buddha besass: Inmitten vieler Formen, lässt er sich nicht von Formen betrügen. Inmitten vieler Töne, lässt er sich nicht von Tönen berauschen. Inmitten wunderbarer Düfte, lässt er sich nicht von Düften benebeln. Inmitten köstlicher Speisen, lässt er sich nicht vom Geschmack verführen. Inmitten von Berührungen, wird er von Berührungen nicht abgelenkt. Inmitten einer Welt des Denkens, bleibt er frei davon. Das beweist die Leerheit der 6 Sinnesbereiche, so dass der unbedingbare Mensch durch sie nicht in Abhängigkeit gebracht werden kann. Trotz der 5 Skandhas, der 5 Daseinsfaktoren, wie Körper, Gefühl, Wahrnehmungen, Willensregungen und reines Bewusstsein, die euch zum Menschen machen, könnt ihr, indem ihr über die 5 Skandhas verfügen lernt, die 5 Daseinsfaktoren zu übernatürlichen, d.h. ungewöhnlichen Kräften hier auf dieser Erde umgestalten.

Weggefährten, der wahre Buddha hat keine Gestalt. Das wahre Dharma hat keine Form. Ihr macht nichts anderes, als auf die Spitze eures Wahngebildes vom Leben noch weitere Einbildungen draufzusetzen. So verläuft euer Lebensweg in der genormten Welt des Scheins, nicht des Seins. Was auch immer ihr in dieser Welt zu erreichen sucht, ihr handelt mit dem Geist eines tollwütigen Fuchses und erreicht nichts als ein leidenschaffendes Durcheinander. Es entspricht nicht eurer wahren Natur. Der Wahre Zen-Schüler klammert sich nicht an Buddha, die Bodhisattvas oder Arhats. Er klammert sich an nichts, was als das Höchste in den 3 Welten gilt. Er hält sich zurück, bleibt allein und frei und ärgert sich nicht. Selbst wenn Himmel und Erde auf den Kopf gestellt würden, so liesse er sich nicht beirren. Selbst wenn sämtliche Buddhas der 10 Richtungen vor ihm erschienen, so kümmerte er sich nicht um sie. Täten sich die drei schrecklichen Höllenschlunde vor ihm auf, so fürchtete er sich nicht. Warum nicht? Weil er alles als leer erkannt hat. Wo Veränderung ist, da gibt es auch das Vorhandensein von Etwas. Wo keine Veränderung ist, da ist auch kein Etwas vorhanden. ›Die 3fache Welt ist reines Bewusstsein. Die 10000 Dinge sind nichts als ihre Unterschiedenheit selbst. Darum heisst es: „Träume, Vorstellungen und Glaubensinhalte sind wie Blumen am leeren Himmel. Warum plagt ihr euch damit, sie pflücken zu wollen?“

Zen Meister Rinzai führte for: „Weggefährten, „derjenige“ in euch, der hier und jetzt nur sieht und hört, ist auch ›derjenige<, welcher durch’s Feuer gehen kann, ohne verbrannt zu werden, welcher ins Wasser gehen kann, ohne zu ertrinken, und welcher sich im Bereich der drei tiefen Höllen bewegen kann, als spiele er auf einer lieblichen Wiese. Er kann die Welt der Dämonen und hungrigen Bestien betreten, ohne von ihnen angefallen zu werden. Warum ist das so? Weil es für ›den< in euch nichts gibt, was er ablehnt. Ihr, die ihr das Heilige verehrt und das Gewöhnliche verachtet, treibt weiter auf dem Meer von Geburt und Tod dahin. Alles Leiden entsteht in Abhängigkeit von eurem Herzen, Welches Wünschen und Denken ist. Wenn euer Herz zur Ruhe kommt, wenn Wünschen und Denken aufhören, wo gibt es dann noch Leidenschaften, derer ihr euch bemächtigen könntet, wo Leid, das euch befällt? Erschöpft euch nicht im ständigen Bewerten und Unterscheiden. Hört auf damit! Ganz von selbst werdet ihr dann den Zen-Weg finden, wird sich euch die Wirklichkeit offenbaren. Hastet ihr aber wild herum und versucht, anderen zu folgen, meditiert ihr wild durch die Gegend, von einem Meister zum anderen rennend, so werdet ihr auch nach dem Durchschreiten von 3 Weltaltern nirgendwo anders enden als bei Geburt und Tod. Besser ihr sucht nicht weiter. Sitzt in Zazen-Haltung auf dem Sitzkissen, und lasst nichts anderes zu als nur sitzen.“

Weggefährten, wenn Schüler von überallher kommen, um den grossen Weg kennenzulernen, so unterscheiden sich Gast und Gastgeber klar. Man stellt eine Behauptung auf, um den Lehrer zu prüfen, den man vor sich hat. Der Schüler denkt sich einen gehaltvollen Spruch aus, hängt an des Lehrers Lippen und fragt: „Verstehst du das oder nicht? „Durchschaut der Lehrer das als eine Falle, dann packt er es, wirft es in eine Scheissgrube und beerdigt es dort. Der Schüler lässt sich überzeugen, wird ganz gefügig, erbittet des Lehrers Rat und sagt fortan, nachdem er ausgetrickst worden ist: „Welch erhabene Weisheit, welch ein wahrhaft guter Lehrer.“ Der Lehrer, wenn er echt ist, sagt: „Du Blödkopf, du weisst einen Dreck, was gut oder schlecht ist.“

Zen Meister Rinzai

 

Zen Meister Rinzai

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